Sorgende Gemeinschaften

Das Dorf übernimmt den Generationenvertrag

Rund 150 engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie Verantwortliche aus Kommunalpolitik und sozialen Einrichtungen trafen sich am 23. März im Kloster Heiligkreuztal zum Fachtag „Caring Communities – Auf dem Weg zu sorgenden Gemeinschaften“. Auf der Veranstaltung des K-Punkt ländlicher Raum der Diözese Rottenburg-Stuttgart diskutierten sie Modelle, wie mit mehr bürgerschaftlichem Engagement die Herausforderungen des demographischen Wandels begegnet werden könne.

„Es geht um die Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume“ beschrieb Thomas Klie, Sozialexperte an der Evangelischen Hochschule Freiburg, die Aufgabe. Nicht alle Betreuungs- und Pflegeleistungen ließen sich als Dienstleistung organisieren. Älteren Menschen dürften dabei nicht auf ihre Pflegebedürftigkeit reduziert werden. Pflegeleistungen hätten vielmehr dienende Funktion, damit Menschen in jedem Alter das leben könne, was ihnen wirklich wichtig sei. Der Ansatz der Caring Communities setze auf einen Mix aus bürgerschaftlichen und professionellen Angeboten. Klie kritisierte die niedrigen Löhne im Pflegebereich. Die Deutschen seien bisher nicht bereit, für haushaltsnahe Dienstleistungen einen angemessenen Preis zu bezahlen. Er warb um Vertrauen in die Selbstorganisation kleiner Lebenskreise wie Familie, Nachbarschaften oder Gemeinden und forderte ein neues Verständnis von Subsidiarität. Dabei sei eine faire Aufteilung der Sorge-Verantwortung entscheidend, sowohl zwischen den Generationen als auch unter Gender-Gesichtspunkten. Den Kirchen riet Klie zu einer Wiederbelebung der Parochie als Ort des sozialen Miteinanders.

Kirche müsse sich offensiv in die Mitgestaltung des Sozialraumes hineinbegeben, bekräftigte Ordinariatsrat Joachim Drumm, Leiter der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Kirche als Gemeinschaft von Gemeinschaften sei bei ihrer ureigenen Sache, wenn sie sich um das Zusammenleben der Menschen kümmere.

Manfred Lucha, Grüner Obmann im Sozialausschuss des baden-württembergischen Landtags, betonte die Gestaltungsspielräume, die sich aus dem neuen Wohn-, Teilhabe und Pflegegesetz in Baden-Württemberg ergäben. Damit hingen die Unterstützungsleistungen nicht mehr von der Wohnform ab. Neben seiner Schutzfunktion müsse der Staat in Zukunft viel stärker Menschen befähigen, ihr Leben selbstverantwortet zu gestalten.

Als praktische Beispiele präsentierten sich die Gemeinden Unlingen und Eichstetten, die mit Unterstützung der Beratungsorganisation SPES Zukunftsmodelle e.V. innovative Betreuungs- und Wohnformen für ältere Menschen geschaffen haben. In Eichstetten entstand ein Gebäude mit Pflegewohngruppe, einer Kernzeitbetreuung für Kinder und einem Tagescafé. „Das Dorf übernimmt den Generationenvertrag“, beschrieb Gerhard Kiechle, ehemaliger Bürgermeister von Eichstetten die Idee. „Wir müssen uns auf den Weg machen von einer Versorgungs- zu einer Mitwirkungsgesellschaft“ forderte der Kommunalpolitiker.

Ingrid Engelhard, Geschäftsführerin von SPES stellte klar, der einseitige Ausbau stationärer Versorgungseinrichtungen sei weder finanziell zu schultern noch entspräche der den Wünschen der Menschen. Die meisten wollten alt werden in vertrauter Umgebung. Die Zukunft gehöre Modellen, die kleinräumig seien, Beteiligung ermöglichten und Kooperation unterstützen zwischen bürgerschaftlichen und professionellen Angeboten. SPES begleitet momentan 18 Gemeinden in Baden-Württemberg, die ihrer Bürgerschaft ein Altwerden in vertrauter Umgebung ermöglichen wollen. Ergänzend stellte Wolfgang Schleicher, Geschäftsführer des Verbands Katholisches Landvolk e.V Fördermöglichkeiten für Projekte vor.

Neben den Vorträgen präsentierten sich zahlreiche Initiativen und Projekte auf einem Markt der Möglichkeiten. Unter der Federführung des K-Punkt ländlicher Raum im Kloster Heiligkreuztal, einer Einrichtung der Diözese Rottenburg-Stuttgart, wurde die Tagung von einer Vielzahl kirchlicher und kommunaler Einrichtungen und Verbände getragen: Caritas-Region Biberach-Saulgau, Evang. Bildungswerk Oberschwaben (EBO), Evangelische Frauen in Württemberg-Landfrauenarbeit, Gemeindenetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, Baden-Württemberg, Katholische Erwachsenenbildung Dekanate Biberach und Saulgau e.V., Katholische Landvolkbewegung Deutschland, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA) Ulm, Landfrauenvereinigung des Katholischen Deutschen Frauenbundes  Rottenburg-Stuttgart, LEADER Aktionsgruppe Oberschwaben und Verband Katholisches Landvolk e.V..

25.03.15/Schwarz