Der VKL nimmt Stellung

Wir lassen die Kirche im Dorf!

Eine ländliche Perspektive auf den Prozess „Kirche der Zukunft“.

Mit großem Interesse verfolgen wir vom Verband Katholisches Landvolks e.V. und der Katholischen Landjugendbewegung Rottenburg-Stuttgart den Entwicklungsprozess „Kirche der Zukunft“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Wir begrüßen Ihren Mut, mit dem Sie Herr Bischof Dr. Krämer gemeinsam mit den Mitgliedern des Diözesanrats die ersten zukunftsweisenden Entscheidungen getroffen haben.

Wir sehen die großen Herausforderungen, vor der die Diözese Rottenburg-Stuttgart steht und Wissen darum, dass diese Schritte erforderlich sind, um die Diözese zukunftsfähig aufzustellen. Die sinkenden Mitgliederzahlen, den damit verbundenen Rückgang der Kirchensteuermittel sowie die Abnahme von pastoralem Personal sind Faktoren, die auch uns große Sorgen bereiten und nicht wegzudiskutieren sind. Wir sind uns dessen bewusst, dass die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung einzustehen, Gebäudereduzierungsprozesse unumgänglich machen.

Als katholische Verbände, die sich in den ländlichen Räumen engagieren, haben wir einen besonderen Blick auf die kleineren „gemeindlichen Kirchorte“ und Dorfgemeinschaften in unserer Diözese. Wir sehen die engagierten Menschen, die mit großer Unsicherheit in die Zukunft blicken. Wie kann das Engagement in den kleinen Kirchorten aufrechterhalten werden, wenn die Verwaltung weiter zentralisiert wird? Der Entwicklungsprozess „Kirche der Zukunft“ löst vor Ort Sorgen und Ängste aus. Die Sorgen bestehen darin, dass durch die neuen Rahmenbedingungen ehrenamtliches Engagement erschwert wird und gewachsene örtliche Traditionen und Besonderheiten verhindert werden oder sogar wegfallen könnten. 

Als Diözesanvorstände sehen wir die Mitverantwortung auch bei uns, die Menschen auf dem Weg der Veränderung mitzunehmen und sie in der Umgestaltung der Raumschaften zu begleiten. Dazu sind wir auch gerne bereit. Allerdings bedauern wir es sehr, dass die Verbände im bisherigen Prozess aus unserer Sicht kaum Berücksichtigung finden und bspw. in der Präsentation „Umschreibung der Raumschaft“ nicht als thematische Kirchorte erwähnt werden!

Katholische Verbände sind bereits überregionale Kirchorte. Menschen, die sich in Verbänden organisieren sind auch bereit Wege auf sich zu nehmen, um überregionale Angebote anzunehmen. So glauben wir, dass gerade die Perspektive der Verbände auf den Entwicklungsprozess gewinnbringend sein könnte und unbedingt Berücksichtigung im weiteren Verlauf finden sollte.

Damit wir zukünftig im weiteren Prozess unsere Expertise als Fachleute für die Pastoral im ländlichen Räumen einbringen können, möchten wir gerne wichtige Eckpunkte für unserer Arbeit vor Ort benennen:


Kirchliches Leben vor Ort braucht Haupt- und Ehrenamt

•    Ehrenamtliches Engagement kann nur gelingen, wenn hauptamtliche Strukturen die Stütze bilden. Ganz nach dem Prinzip der Subsidiarität muss Ehrenamtlichen ein Rahmen ermöglicht werden, in dem sie selbstständig agieren können. Sie benötigen Unterstützung, wo sie an die Grenzen der Ehrenamtlichkeit stoßen. Für die größer werdenden „neuen Kirchengemeinden“ bedeutet das, dass Zuständigkeiten und Kompetenzen klar geregelt werden und es für die Verbandsarbeit vor Ort in der Raumschaft eine benannte hauptamtliche Ansprechperson gibt.


Kirchliches Leben braucht pastorale Verantwortung für ALLE

•    Aus den Erfahrungen unserer Mitglieder, die sich in den bisherigen Kirchengemeinderäten engagiert haben, spüren wir die Sorge, dass in den neuen Kirchengemeinderäten derselbe Fehler passiert, wie er bisher schon beobachtet wurde: pastorale Themen spielen eine untergeordnete Rolle gegenüber den Verwaltungsaufgaben. So fragen wir uns, wer in den neuen Raumschaften die pastoralen Prioritäten setzen wird und dabei die einzelnen Kirchorte nicht aus den Augen verliert? Die Vielfältigkeit und das hohe Engagement in den bisherigen Kirchengemeinden macht es in den größer werdenden Einheiten nicht einfacher, Schwerpunkte zu setzen, die von den Gläubigen gerne mitgetragen werden.

•    Als Stimme für kleine gemeindliche Kirchorte sind wir uns dessen bewusst, dass sonntägliche Messfeiern nicht an jedem Kirchort und jeden Sonntag gefeiert werden können. Dennoch muss das kirchliche Leben auch in den kleinen Dörfern präsent bleiben! Der Wegfall von Hochfesten und örtlichen Traditionen in kleinen Kirchorten ist extrem schmerzhaft und löst bei vielen Katholik:innen tiefe Enttäuschungen aus. In den neuen Kirchengemeinden ist aus unserer Sicht darauf zu achten, dass auch die kleineren Kirchorte im Gottesdienstplan und bei der Planung des Kirchenjahres Berücksichtigung finden. 

•    Darüber hinaus nehmen wir weiterhin leider auch wahr, dass mancherorts die leitenden Pfarrer ehrenamtliches Engagement verhindern, da sie Messfeiern gegenüber Wortgottesfeiern eine höhere Priorität beimessen und Wortgottesdienstfeiern nicht unterstützen, manchmal sogar bewusst verhindern. Für die Gläubigen kleinerer Kirchorte sehen wir die pastorale Notwendigkeit, dass es trotz der großen Veränderungen regelmäßige Angebote vor Ort gibt. Hier sehen wir den Handlungsbedarf der Diözese, weiterhin flächendeckend Wortgottesdienstleiter:innen auszubilden und die Entscheidung über deren Einsatz nicht allein an die örtlichen Pfarrer zu binden.

•    Die Kirchengemeinderäte der neuen Kirchengemeinden sollten die verschiedenen Kirchorte repräsentieren. Als Verband sehen wir uns als einer dieser Kirchorte. Somit sollte bei der Konstituierung der neuen Kirchengemeinderäte die Verbandsarbeit mitgedacht werden und Vertreter:innen aus den Verbänden sollten feste Plätze erhalten. 


Kirchliches Leben vor Ort braucht (Gestaltungs-) Räume

•    Kirchliche Räumlichkeiten spielen bei der Begegnung von Dorfgemeinschaften oftmals eine zentrale Rolle. Durch vorhergegangene Sparprozesse von Kommunen und dem deutlichen Rückgang von Gaststätten, Dorfläden und auch von kirchlichen Festen, gibt es in kleineren Ortschaften nur noch wenige Begegnungsorte. Diese Realität muss im Prozess „Räume für eine Kirche der Zukunft“ vor die Frage der Wirtschaftlichkeit gestellt werden!

•    Sollten Räumlichkeiten vor Ort wegfallen bzw. zusammengelegt werden, müssen bei Belegungsplänen von Gemeindehäusern und Kirchen alle Gruppierungen gleichermaßen mitbedacht werden. Der Zugang muss auch für Verbandsgruppen niederschwellig und kostenfrei ermöglicht werden.

•    Jugendräume sind bei den Gebäudereduzierungsprozessen vor Ort besonders zu schützen. Die Auswirkungen des Verlusts von Begegnungsorten für die Kinder- und Jugendarbeit muss transparent überprüft werden. 

•    In Dorfgemeinschaften, in denen jeder jeden kennt, werden oftmals pragmatische Entscheidungen getroffen. Ganz nach dem Prinzip „das Dorf hält zusammen“ sind Personen für einzelne Aufgaben im Dorf zuständig, ohne dafür ein Mandat zu haben oder offizielle Dienstwege einzuhalten. Von diesen gut vernetzen Ansprechpersonen hängt jedoch oftmals ehrenamtliches Engagement und das Gelingen eines aktiven Gemeindelebens ab. In den größer werdenden Einheiten werden solche ehrenamtlichen Ansprechpersonen vor Ort von noch größerer Bedeutung sein als bisher. Dieses Engagement darf keinesfalls durch bürokratische Hürden oder lange Entscheidungswege ausgebremst werden.


Kirchliches Leben vor Ort braucht eine eigenständige finanzielle Ausstattung

•    Um die Vielfalt von kirchlichem Engagement und die Traditionen vor Ort aufrecht zu erhalten, benötigen Kirchorte eine gewissen Eigenständigkeit. Jeder Kirchort sollte auch weiterhin über ein eigenes Budget selbst verfügen können, um kleine Investitionen, Anschaffungen oder Veranstaltungen selbst bestimmen zu können, ohne von einer größeren Einheit abhängig zu sein.



Kirchliches Leben vor Ort braucht junge Menschen

•    Junge Menschen, die sich der Katholischen Kirche zugehörig fühlen, sind die Zukunft des kirchlichen Lebens vor Ort. Damit Jugendverbände auch weiterhin eine starke kirchliche Jugendarbeit leisten können, benötigt es eine planbare finanzielle und personelle Ausstattung der jugendpastoralen Arbeit.

•    Darüber hinaus sind junge Menschen an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Nicht nur in der Gesellschaft und in der Politik sind junge Menschen häufig eine unterrepräsentierte Gruppe auch in Entscheidungsgremien der Katholischen Kirche, finden sie häufig kaum Berücksichtigung. Für eine echte Beteiligung benötigt es jugendgerechte Beteiligungsmöglichkeiten, eine generationengerechte Besetzung aller Entscheidungsgremien sowie Stimmrechte für Jugendvertreter in den neuen Kirchengemeinderäten.



Kirchliches Leben vor Ort braucht Kooperation und Kommunikation

•    Wir begrüßen es sehr, dass kommunale und ökumenische Kooperationen angestrebt sind und die kommunalen Grenzen bei der Bildung der neuen Kirchengemeinden Berücksichtigung finden sollen. Angebote und Strukturen müssen sich am Sozialraum der Menschen orientieren. Gerade in kleinen Dorfgemeinschaften in denen kaum Infrastruktur gegeben ist, braucht es zwingend diese Kooperationen. Dabei sind einfache Lösungsansätze anzustreben. Daher plädieren wir dafür, dass Entscheidungen, die den Kirchort betreffen auch von den engagierten Personen vor Ort getroffen werden können.

Mit diesem Schreiben möchten wir zum Ausdruck bringen, dass Verbände auch ein lebendiger Ort von Kirche darstellen und wir sehr gerne dazu bereit sind die notwendigen Schritte zu einer Kirche der Zukunft mitzugehen. Wir möchten unserer Verantwortung gerecht werden und fordern die Diözesanleitung dazu auf, die Katholischen Verbände bei der Bildung der neuen Kirchengemeinden zu berücksichtigen und in Entscheidungsprozesse mit einzubinden.

Johannes Sauter                                     Dominik Coenen

Diözesanvorsitzender                              Diözesanvorsitzender

Verband Katholisches Landvolk e.V.         Katholische Landjugendbewegung


Das Positionspapier finden Sie ebenfalls hier.