Interview mit alter und neuer Geschäftsführung

Wir mischen uns ein

Interview mit dem scheidenden Geschäftsführer des Verbands Katholisches Landvolk e.V. (VKL) und seiner Nachfolgerin Dr. Barbara Engler.

Der Verband Katholisches Landvolk unterstützt Menschen auf dem Land ideell und ganz praktisch - die alte und neue Geschäftsführung berichtet davon.

Sanfte Hügel, saftige Wiesen, blühende Bäume, goldgelbe Felder - und eine gute Luft. Neben den städtischen Ballungsgebieten ist die Diözese reich an unterschiedlichen ländlichen Regionen. Und viele Dörfer überragt der Kirchturm. Doch auf dem Land zu leben ist nicht nur idyllisch. Der Strukturwandel prägt Landwirtschaft und Kirche. Der Verband Katholisches Landvolk sieht sich an der Seite der Menschen auf dem Land. Deren langjähriger Geschäftsführer Wolfgang Schleicher und seine Nachfolgerin Barbara Engler sprechen über ihre Aufgaben damals und heute.

Frau Engler, Katholisches Landvolk - das klingt nach einer heimatlich-engen Verbundenheit der Landbevölkerung, die sich mit der Kirche identifiziert. Wie erleben Sie die Realität im ländlichen Raum heute?

Barbara Engler: Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Aktivitäten auf Städte und Ballungszentren konzentrieren. Auf dem Land sind die Nahversorgung, die Mobilität und der Breitbandausbau nach wie vor Dauerthemen. Viele Mitglieder unseres Verbandes kommen aus der Landwirtschaft oder sind mit dieser verbunden und leben den katholischen Glauben. Gerade diese Menschen haben naturgemäß eine sehr enge Bindung an ihre Heimat. Mit unseren Strukturen und Treffpunkten ist es uns wichtig, ausreichend Möglichkeiten und Räume für Gemeinschaft zu erhalten.

Herr Schleicher, vor welchen Herausforderungen standen die Menschen auf dem Land, als Sie 1991 die Geschäftsführung des Verbands übernommen haben?

Wolfgang Schleicher: Die Herausforderungen damals und heute scheinen mir gar nicht so unterschiedlich zu sein. Als ich die Geschäftsführung übernommen habe, hatte der Verband gerade eine Kampagne mit dem Thema „Bewahrung der Schöpfung“ begonnen. Die Strukturen im ländlichen Raum, sei es der Einkaufsladen im Dorf oder das örtliche Gasthaus, waren schon damals in Auflösung begriffen. Das Tempo der Veränderung hat sich jedoch die letzten Jahre erhöht.

Wie hat das Katholische Landvolk auf die Veränderungen in der Landwirtschaft und den ländlichen Strukturen in den letzten Jahrzehnten reagiert?

Schleicher: Als Reaktion auf den Strukturwandel in der Landwirtschaft hat das katholische Landvolk sein Angebot für landwirtschaftliche Familienbetriebe entwickelt. Da sind zum einen die Betriebshelfer unserer Organisation cura familia, die in Notsituationen in den Betrieben einspringen. Bereits seit den 1960er Jahren war die bis dahin übliche gelebte Nachbarschaftshilfe zwischen den Betrieben zunehmend nicht mehr möglich.

Wenn ein Familienmitglied ausfällt, ist das ja nicht nur in der Landwirtschaft ein Problem …

Schleicher: Die Verwandtschaft lebt heute oftmals weit verstreut. Unsere Familienpflege unter dem Dach von cura familia bietet Unterstützung in Haushalt und Kinderversorgung für alle Familien – nicht nur in der Landwirtschaft - an, wenn eine kinderbetreuende Person beispielsweise durch Krankheit ausfällt. Auch die landwirtschaftliche Familienberatung ist bis heute ein wichtiges unterstützendes Angebot, um die Auswirkungen des Strukturwandels auf die landwirtschaftlichen Familien abzufedern.

Hat sich der Verband in Ihrer Zeit auch politisch engagiert?

Schleicher: Für Kommunalpolitiker haben wir in der Vergangenheit praxisnahe Seminare zum Ländlichen Raum angeboten. Themen waren beispielsweise „Alt werden in vertrauter Umgebung“ oder „bürgernahe Kommunalpolitik“. Aus Ersterem entstand unter anderem die Initiative „Sorgende Gemeinschaften“ im Landkreis Ravensburg und in weiteren Regionen.

Viele Probleme sind aber auch überregional. Discounter drücken beispielsweise die Preise für Lebensmittel, so dass die Erzeuger:innen weniger verdienen. Kann ihr Verband hier bäuerliche Betriebe konkret unterstützen und Perspektiven geben?

Engler: Die Entwicklungen des Marktes kann natürlich ein Verband wie das Katholische Landvolk nicht beeinflussen oder aufhalten. Aber wir mischen uns ein. Derzeit wird beispielsweise ein Vorschlag von der EU diskutiert, wie die zukünftige Agrarpolitik in der Zeit nach 2027 aussehen kann. Gemeinsam erarbeiten wir eine Stellungnahme, die über unseren Bundesverband, die katholische Landvolkbewegung KLB, in die Politik eingespeist wird.

Wie sieht es mit dem Klimawandel aus, worunter die gesamte Lebensmittelproduktion leidet? Oder mit dem Naturschutz, der die Landwirtschaft einschränkt?

Engler: Wir beteiligen uns auch als Verband an einem Projekt, das Landwirtinnen und Landwirten neue Einkommensalternativen erschließen kann, in dem vermehrt nachhaltige, pflanzenbasierte Proteine erzeugt werden (Projekt SoeTRA). Seit Jahren kämpfen wir dafür, dass Europa weiterhin gentechnikfrei bleibt. Gentechnikfreiheit ist auch für die Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse ein Vorteil. Und im Übrigen ist Landwirt oder Landwirtin zu sein vor allem ein sehr schöner und vielseitiger Beruf, den die Bauern mit Engagement und Freunde ausüben.

Das tun sie ja nicht nur hier bei uns. Katholisch bedeutet weltumfassend. Wie engagiert sich der VKL außerhalb Europas?

Schleicher: Seit Jahren haben wir gemeinsame Partnerschaften in Uganda und Argentinien mit dem Ziel, die bäuerlichen Familien und Kleinhandwerker vor Ort zu unterstützen. Mit der Aktion „Minibrot“ an Erntedank geben hierzulande Kirchengemeinden oder Gruppen gesegnetes Brot gegen eine Spende ab, die den internationalen Projekten zufließt. Wir sehen mit Freude, wie gut die Hilfe ankommt, welche Fortschritte gemacht werden und wie dankbar und zuversichtlich die Menschen sind. Mit Banater-Schwaben aus Rumänien bauen wir derzeit eine weitere Partnerschaft auf.

Gehen wir zurück in unsere Diözese. Welche Impulse kann ein katholischer Verband heute und in Zukunft für ein gutes Leben in den ländlichen Regionen geben?

Engler: Wie erwähnt bewegt uns die Bewahrung der Schöpfung seit jeher. Dieser sehen wir uns verpflichtet und handeln danach. Unsere Ortsgruppen und die Einzelmitglieder organisieren vor Ort Veranstaltungen, Vorträge und Wallfahrten. Dies alles macht das Leben im ländlichen Raum bunter. Natürlich hat auch unser Verband, wie viele Verbände und Vereine, damit zu kämpfen, dass unsere Mitglieder immer älter werden und sich aus der operativen Verbandsarbeit zurückziehen möchten. Daher ist es unser Ziel für die kommenden Jahre, jungen Familien oder Einzelpersonen im Verband eine Heimat anzubieten.

 

Das Interview führte Markus Waggershauser, Stabsstelle Mediale Kommunikation der Diözese Rottenburg-Stuttgart

v.l.n.r. Dr. Barbara Engler, Wolfgang Schleicher

v.l.n.r. Dr. Barbara Engler, Wolfgang Schleicher