Online Informationsveranstaltung neue Gentechniken

Mit-CRISPRn oder nicht?

Kirchberg20.11.2020. Unter der Überschrift „Mit-CRISPRn oder nicht? - Informationsveranstaltung zu den neuen Gentechniken, luden die Akademie für ökologische Land- und Ernährungswirtschaft Schloss Kirchberg und das Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und dem BUND vom 19.11.2020 - 20.11.2020 zur Online-Tagung ein. Rund 150 Teilnehmende aus Politik, Landwirtschaft, Züchtung, Verarbeitung, Wissenschaft sowieVerbrauche*innen verfolgten an ihren Bildschirmen die Referate der hochkarätigen Expert*innen aus dem In- und Ausland zu dem komplexen und politisch hochbrisanten Thema

Die „klassische“ Agro-Gentechnik wird in den letzten Jahren verstärkt von neuen molekularen Technologien, den neuen Gentechniken (NGT) oder auch Genome Editing genannt, ein- und überholt. Neuartige Produkte werden in den Laboren entwickelt. Erste Pflanzen stehen in den USA und Kanada auf dem Ackerbevor Klarheit über die mittel- und langfristigen Folgen der Verfahren besteht. Forschung, Entwicklung und Anwendung stehen am Anfang. Gleichzeitig scheinen sich die Grenzen der Machbarkeit zu erweitern. Dies verleiht den neuen Technologien einen geradezu revolutionären Anstrich. >span class="s20">NGT-Verfahren reguliert und gekennzeichnet werden, wird sehr kontrovers diskutiert.

In diesem Spannungsfeld stellte Dr. Ricarda Steinbrecher, Co-Direktorin EcoNexus, aus Oxford dar, wie die NGT funktionieren, was von ihnen erwartet werden kann und welche unerwünschten Effekte bei deren Einsatz auftreten können.

Im Anschluss referierte Prof. Dr. Katja Tielbörger vom Institut für Evolution und Ökologie, Universität Tübingen über die neuen Genotypen aus Sicht des Natur- und Artenschutzes. Weder Heilsversprechen noch übergroße Besorgnis gegenüber dem Einsatz von NGT können durch den gegenwärtigen Stand der ökologischen Forschung begründet werden, nicht zuletzt, weil es hierzu praktisch keine Forschung gibt“, so Tielbörger. Die ökologische Wissenschaft zeigejedoch fundierte Alternativen zu den NGT auf, welche Natur- und Artenschutz sowie landwirtschaftliche Produktion unter einen Hut bringen könnten. Die Frage nach ökologischen" Chancen und Risiken der NGTkönne also obsolet werden, wenn sich Landnutzung stärker an ökologischen Erkenntnissen orientieren würde, argumentierte Tielbörger.

Ein politisches Update über die Entwicklungen auf EU-Ebene mit dem Titel „Zwischen Green Deal und NGT – Deregulierung oder Vorsorgeprinzip“ lieferte Heike Moldenhauer, European Non-GMO Industry Association (ENGA) aus Brüssel. Mit einer Deregulierung von NGTwürden Risikobewertung und Kennzeichnung abgeschafft. Mit NGT erzeugte Produkte 

kämen ungetestet und unsichtbar erst auf den Acker, dann ins Essen. Betroffen wäre der gesamte Lebensmittelsektor, besonders aber die konventionelle und biologische „ohne Gentechnik“-Produktion, erklärteMoldenhauer die Folgen einer Deregulierung. „Ein „ohne Gentechnik“-Wirtschaftssektor, der mit neuer Gentechnik hergestellte Produkte nicht verlässlich ausschließen kann, ist schnell angreifbar und überholt. Ihm drohen der vollständige Zusammenbruch des Marktes und die Erschütterung des Verbrauchervertrauens, warnte Moldenhauer.

Daniela Wannemacher, Leiterin Gentechnikpolitik, BUND aus Berlin und Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) aus Hamm ergänzten die politischen Entwicklungen auf deutscher Ebene„In Deutschland und Europa beobachten wir die Bestrebungen, neue Gentechnikverfahren als angeblich notwendige Instrumente für mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft zu platzieren“, so Daniela Wannemacher, und ergänzt: „Aus Sicht des BUND wird mit dem Rückgriff auf Gentechnik und die dahinter stehenden Strukturen der notwendige Umbau zu einer ökologischeren Landnutzung verhindert“. 

„Gerade hinsichtlich der Herausforderungen des Klimawandels muss der Zugang zu genetischen Ressourcen gesichert sein, der die Grundlage für eine vielfältige Sortenentwicklung ist. Dieser Zugang wird aber kleinen und mittleren Züchter*innen durch die Patentierungswelle bei den neuen Gentechniken versperrt. Deshalb kämpft die Bewegung für eine gentechnikfreie Lebensmittelerzeugung auch gegen Patente auf Pflanzen und Tiere, so Annemarie Volling von der AbL. 

Um die NGT aus ethischer, ökologischer und politischer Sicht zu bewerten und mögliche Perspektiven für eine sinnstiftende Entwicklung aufzuzeigen, war Prof. Dr. Thomas Potthast vom internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) an der Universität Tübingen eingeladen.  

In einer Gesprächsrunde zur Bedeutung der NGT für die Pflanzenzüchtung, Bäuer*innen, Verarbeitung, Handel und Verbraucher*innen waren sich die Gesprächspartner*innen einig, dass Transparenz unabdingbar ist. Transparenz über die in der Sortenentstehung verwendeten Verfahren und Gentechnikfreiheit des eingesetzten Saatguts.

Im Sinne der Wahlfreiheit für Bäuerinnen und Bauern sowie Verbraucher*innen müssen Kennzeichnung und Transparenz auch für die Zukunft gesichert werden. Vor dem Hintergrund der Klimakrise und dem dramatischen Verlust der Biodiversität brauchen wir weitsichtige und agrarökologische Maßnahmen, um die Landwirtschaft krisenfest zu gestalten, so Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis90/die Grünen in seiner Videobotschaft.

Der Geschäftsführer von tegut betonte, dass Gentechnik für die tegut-Eigenmarke nicht in Frage kommeAus seiner Sicht böten die NGT keine Lösung für die Ernährungssicherung der Weltbevölkerung. Wir werden uns nur mit der Natur, und nicht gegen sie ernähren können. Von Händlerseite halte ich die ordentliche Kennzeichnung für unumgänglich – so kannder Verbraucher Kaufentscheidungen in seinem Sinne treffen“, führte Gutberlet in der Gesprächsrunde ausDieses Ansinnen brachte Bernhard StollGeschäftsführer, Raiffeisen-Kraftfutterwerk Kehl GmbH(RKW) auf den Punkt: „Aller technischer Fortschritt in Ehren  aber ich möchte auch in Zukunft selbst entscheiden, was ich esse und was nicht.

Sehr eindeutig positionierte sich Sebastian Kußmann, Erbsenzüchter, Getreidezüchtung Peter Kunz: „Die Pflanzenzüchtung kann einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung einer nachhaltig-bäuerlichen Landwirtschaft leisten. Das Potential der NGT wird in diesem Zusammenhang massiv überbewertet, mit der Folge der einseitigen Förderung scheinbar innovativer technischer Forschungsvorhaben. Er forderte holistische Züchtungsprogramme, welche ökologische, soziale und ökonomische Rahmenbedingungen des Agrarökosystems in den Züchtungsprozess einbeziehen und darauf aufbauend lokale Lösungen unter Beachtung des Vorsorgeprinzips entwickeln.

Bärbel Endrass, Bäuerin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft aus Baden-Württemberg unterstrich: „Egal, ob konventionell oder bio - Bäuerinnen und Bauern wollen das erzeugen, was nach wie vor ein Großteil der Verbraucher*innen willGentechnikfreie Lebensmittel! Das Recht auf gentechnikfreie Erzeugung muss sichergestellt werden.“

Den Abschluss bildete eine handlungsorientierteZusammenfassung der guten Argumente für eine gentechnikfreie Landwirtschaft. Dr. Christian Eichert, Sprecher des Aktionsbündnisses und Geschäftsführer des Bioland Landesverbands Baden-Württemberg: Für die ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft ist die Frage der Einstufung der NGT keine akademische Übung, sondern eine existenzielle Frage. Gleichzeitigböte das System des ökologischen Landbaus vielfältige und ökonomisch erfolgreiche Lösungsansätze für einkonsequente Agrar- und Ernährungswende. Nicht zuletzt zeigten die auf Bio umstellenden Bäuerinnen und Bauern auf ihren Höfen und die wachsende Anzahl der Bio-Kundinnen und -Kunden in den Einkaufsstätten, dass in konsequent gentechnikfreiem Bio die Zukunft liegt, so Dr. Eichert.

Für die Geschäftsstellenleitung der Akademie Schloss Kirchberg, Anna-Lena Buchholz und für die Sprecher des Aktionsbündnisses kam die Veranstaltung genau zum richtigen Zeitpunkt. „Unser Anliegen, vor dem Wahljahr in Baden-Württemberg zu informieren, aufzuklären und die Diskussion auf breiter Basis voranzubringen ist voll aufgegangen“, sind sich Anna-Lena Buchholz und Wolfgang Schleicher, Bündnissprecher und Geschäftsführer des Katholischen Landvolks einig. „Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den NGT ist Voraussetzung dafür, dass sich die Zivilgesellschaft aktiv in die gesellschaftliche Debatte einmischen kann, die wir jetzt brauchen, resümieren die Beiden. 

Um zu verhindern, dass Züchtungsunternehmen durch die NGT die Gentechnikgesetzgebung umgehen, sieht Gottfried May-Stürmer, dritter Bündnissprecher und Agrarreferent des BUND Baden-Württemberg, die zukünftige Landesregierung in der Pflicht: „Der regulierte und transparente Einsatz ist das erste Gebot, wenn über die Einführung von NGT nachgedacht wird. Hier muss auf eine klare Einordnung der neuen Techniken unter die Gentechnikgesetzgebung gedrängt werden. Eindeutige Positionen sind gefragt, Enthaltungen sind keine Lösung!“