Ausgabe 04/2016

Ausgabe 04/2016

In dieser Ausgabe:

„Keiner schwätzt dümmer raus, als er ist“

Ein Erfahrungsbericht im Umgang mit Flüchtlingen von Cornelia Branz

Cornelia Branz wohnt im oberschwäbischen Winterstettendorf, das mit seinen ca. 500 Einwohnern zur Gemeinde Ingoldingen mit 2.700 Einwohnern im Landkreis Biberach gehört. Die stark landwirtschaftlich geprägte Gemeinde hat ihre Stärken: Viele sind in der Vereinsarbeit engagiert und es gibt neben dem örtlichen Kindergarten einen netten “Dorfladen“, sowie eine Getreidemühle. „Freie Wohnungen“, gibt es jedoch nicht, so dass selbst die Jugendlichen vom Ort wegziehen. Flüchtlinge gibt es auch nicht im Dorf, und das hat wahrscheinlich neben dem fehlenden Wohnraum einen weiteren Grund: Wer hier wohnt, braucht ein Auto, um wegzukommen. Die Verkehrsanbindung ist mager, und nur einseitig, da am Ortsende auch der Landkreis Ravensburg beginnt. Dennoch gibt es für Cornelia Branz Berührungspunkte mit den neu zu uns kommenden Menschen. Über ihre im wahrsten Sinne des Wortes Berührungspunkte erzählt sie in diesem Erfahrungsbericht:

Ich unterrichte junge Menschen an der landwirtschaftlichen Berufsschule in Biberach. In der Vollzeitklasse sind seit zwei Jahren auch Flüchtlinge, die bei uns ihren Weg finden möchten. Das erste Lehrjahr der Landwirte in Form von einem Vollzeitschuljahr ist vielseitig und für den Einstieg ins Grüne Berufsleben sehr fundiert. Jeden Dienstag ist Praxistag, an dem die Landwirte auf Praxisschulbetriebe gehen. Die Flüchtlinge durften wählen, was sie an ihrem Praxistag machen wollten.

So arbeitete Olivie aus Ghambia, der übrigens katholisch ist, wöchentlich bei einem naheliegenden Maurerbetrieb. Begründet hat er diese Wahl damit, dass Maurerkenntnisse sicher gefragt seien, wenn er wieder zurückginge. Seine Arbeitgeber waren äußerst zufrieden und boten ihm eine Ausbildungsstelle an.

Rasoul aus Afghanistan, der in diesem Jahr in meiner Klasse ist, hat nun eine Zusage für eine Ausbildungsstelle als Maler. Anfangs hatte er nicht nur ein großes Problem mit der deutschen Sprache, sondern auch mit meiner schwäbischen Ausdrucksweise. So lautete seine Antwort auf die Frage, ob er alles verstanden hatte grundsätzlich „Ja“. Im Schulgarten haben wir schnell bemerkt, wie bemüht er ist und dass er sich mit Pflanzen auskennt, denn er wusste Pflanzennamen, erzählte etwas über Rosenveredlung und hat sich über Sonnenblumensamen für sein Gärtle riesig gefreut.

Diese Jungs hatten es anfangs nicht leicht in der Klasse, weil die Fremdheit und auch die Unsicherheit der beiden Jungs Angst in den Mitschülern erzeugte. Im Laufe des Schuljahres mussten die Schüler jedoch in Kleingruppen verschiedene Arbeiten erledigen, und „beim schaffen lernt man sich kennen“.

Persönlich sind mir die beiden Flüchtlinge sehr wichtig, auch die vielen anderen jugendlichen Flüchtlinge. Zum Beispiel wurden die zwei jugendlichen  Flüchtlinge, über die in der vorletzten Ausgabe von Land aktiv berichtet wurde, ebenfalls in unserer Werkstatt beschult. Die Augen der Kinder geben mir als Lehrerin und  als Mutter immer wieder Grund zum Nachdenken, ganz besonders bewegt es mich, wenn Sie über ihre Erlebnisse erzählen. Und ich freue mich auch über die landwirtschaftlichen Betriebe, die jetzt Flüchtlinge zur Mithilfe auf dem Hof angestellt haben. Auch sie berichten über gute Erfahrungen.

Was läuft richtig, was falsch?

„Jeder denkt, er macht es recht.“ Manchmal ist es aber schwer zu verstehen, wie die Dinge laufen. Olivie zum Beispiel brauchte als Bedingung für den Ausbildungsvertrag einen bewilligten Asylantrag. Just als der Ausbildungsvertrag in Sicht war, kam dann der Bescheid für eine Abschiebung. Mit Hilfe des Bundestagsabgeordneten Josef Rief und unserer Schulleiterin endete die Sache für den jungen, hilfsbereiten fleißigen und ehrlichen Ghambier gut. Am ersten Schultag vergangenen Septembers kam er strahlend vor Freude in unsere Werkstatt und berichtete dass er jetzt seine Ausbildung beginnt.

Rasoul erging es genau so: Als ihm die Abschiebung drohte, hat er einen Anwalt eingeschaltet und kann nun auch seine Ausbildung beginnen.

Ich bedaure sehr und finde es auch nicht richtig, dass für schulpflichtige Flüchtlinge im nächsten Schuljahr kein Praxisunterricht an Berufsschulen mehr möglich sein soll. Für viele Schüler dieser berufsvorbereitenden Klassen ohne Deutschkenntnisse war es genau das Richtige und sie gingen sehr gerne in den Praxisunterricht.

Meine Schlussfolgerung für den sozialen und politischen Umgang mit Flüchtlingen

Der soziale menschliche Umgang ist für uns alle eine bereichernde „Aufmischung“. Jeder der mit Flüchtlingen gut zusammenarbeitet, kann das bestätigen.

Politisch weiß ich, dass es verschiedene Meinungen gibt, und nicht alles möglich ist, aber für mich ist es manchmal beschämend, was abgeht. „Keiner schwätzt dümmer raus als er ist.“ Das ist mein Zitat für den Umgang mit diesen hilfsbedürftigen Menschen, wenn sie abwertend behandelt werden. Uns geht’s immer noch gut und ich möchte nicht tauschen müssen mit Müttern, die auf der Flucht und der Suche nach einer neuen Lebensperspektive sind. Es gibt immer noch Potenzial nach oben, und solange wir noch Kriegswaffen liefern und damit Geld verdienen, stehen wir auch in der Pflicht, zu helfen.

Im Grundsatz kann ich nur für mich bestimmen und muss das als Christ mit meinem Gewissen vereinbaren können. Dass wir in der Not fähig sind, zusammen anzupacken ist nichts Neues. Dieses Potenzial können wir doch sinnstiftend einsetzen!

Jetzt anmelden!

Am 5. November starten die Busse des VKL zum 50. Mal in Richtung Flüeli. Ein Grund mehr,  in diesem Jahr dabei zu sein. Anlässlich des Jubiläums wird auch Weihbischof Dr. Kreidler, die Pilger begleiten. Die Wallfahrten waren und sind mehr als ein Ausflug. Jahr für Jahr bieten sie die Möglichkeit zu neuen Begegnungen und Erfahrungen mit sich selbst mit der Natur und mit Anderen. Mit dabei wird in diesem Jubiläumsjahr auch Weihbischof Dr. Kreidler sein.

Per Bus führt die Reise zunächst nach Einsiedeln, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsort in der Schweiz. Wer körperlich fit ist, kann die 15 km von Einsiedeln nach Kerns zu Fuß zurücklegen (etwa drei Stunden Gehzeit). Übernachtet wird in Hotels der näheren Umgebung. Die Buswallfahrt findet am 5. und 6. November 2016 statt und kostet 172 € für VKL-Mitglieder, 182 für Nicht-Mitglieder, 90 € für Kinder und Studenten.

 

Aktionsbündnis und Heinrich Böll Stiftung diskutieren neue Züchtungsmethoden im Pflanzenbau

Unter dem Titel „Gentechnik durch die Hintertür? Neue Züchtungsmethoden im Pflanzenbau“ haben das Aktionsbündnis Gentechnikfreie Landwirtschaft in Baden-Württemberg und die Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg am 14. April nach Stuttgart eingeladen. Rund 40 Teilnehmende diskutierten über das komplexe und politisch hochbrisante Thema „Neue Züchtungsmethoden“ und deren Auswirkungen auf die Land- und Ernährungswirtschaft.

Die „klassische“ Agro-Gentechnik wird in den letzten Jahren verstärkt von neuen molekularen Technologien ein- und überholt. Neuartige Produkte wie zum Beispiel der Raps der Firma Cibus drängen auf den Markt, bevor Klarheit über die mittel- und langfristigen Folgen der Verfahren besteht. Forschung, Entwicklung und Anwendung stehen ganz am Anfang. Gleichzeitig scheinen sich die Grenzen der Machbarkeit zu erweitern. Dies verleiht den neuen Technologien einen geradezu revolutionären Anstrich.

„Das bestehende Rechtssystem und die darin formulierte Definition einer gentechnischen Veränderung kann den heutigen Stand der Wissenschaft und Technik nicht in vollem Umfang regeln", sagte die Expertin für gentechnisch veränderte Organismen bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) Dr. Alexandra Ribarits. "Die Chancen durch neue Züchtungstechniken gehen weit über die bisherigen Möglichkeiten für die Sortenentwicklung hinaus. Allerdings dürfen bei aller Euphorie etwaige, uns heute noch nicht bekannte Risiken, nicht außer Acht gelassen werden" betonte Ribarits.

Im Anschluss erläuterte Dr. Eva Gelinsky, Koordinatorin der schweizer Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit, dass gentechnikfrei arbeitende Betriebe Transparenz über die in der Sortenentstehung verwendeten Verfahren benötigten. Daher sei  eine umfassende, lückenlose Deklarationspflicht für die neuen Technologien bei Saat- und Pflanzgut einzuführen.

Sehr eindeutig positionierte sich Dr. Friedhelm von Mering vom Bund Ökologische Lebensmittel e.V. Er forderte endlich eine angemessene Unterstützung und Forschungsförderung für eine ganzheitlich orientierte Öko-Züchtung. Zudem gelte es, klare Kennzeichnungspflichten im Gentechnik-Recht zu verankern.

„Unser Anliegen zu informieren, aufzuklären und die Diskussion hier in Baden-Württemberg auf breiter Basis voranzubringen ist voll aufgegangen“, so Wolfgang Schleicher, Bündnissprecher und Geschäftsführer des Katholischen Landvolks.

Die Position des Bündnisses steht außer Frage: „Das Leben lässt sich nicht programmieren wie ein Computerprogramm“, sagte Dr. Christian Eichert, Bündnissprecher und Geschäftsführer von Bioland Baden-Württemberg. „Unsere Natur und unsere Kulturpflanzen stehen in zahllosen Wechselwirkungen, bei welchen die Steuerung durch die Gene ein wichtiges Element ist. Diese Naturgesetze gilt es bei der natürlichen Weiterentwicklung von Pflanzen und Tieren durch Züchtung zu bewahren und zu berücksichtigen. Allerdings muss in diesem Bereich noch sehr viel mehr investiert werden, um im Gesamtsystem einer nachhaltigen, ökologischen und vom Verbraucher akzeptierten Landwirtschaft voranzukommen“, so Eichert.

Um zu verhindern, dass Züchtungsunternehmen durch neue Methoden wie z.B.  CRISPR/Cas die Gentechnikgesetzgebung umgehen, sieht Gottfried May-Stürmer, Bündnissprecher und Agrarreferent des BUND Baden-Württemberg, die neue Landesregierung in der Pflicht: „Hier muss auf eine klare Einordnung der neuen Techniken unter die Gentechnikgesetzgebung gedrängt werden. Eindeutige Positionen sind gefragt, Enthaltungen sind keine Lösung!“